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Die 20 Gunas: Wie wir ayurvedische Gegensätze in unsere Ernährung integrieren
Ernährung

Die 20 Gunas: Wie wir ayurvedische Gegensätze in unsere Ernährung integrieren

Die 20 Gunas sind das Herzstück der ayurvedischen Ernährungslehre: zehn Paare von Gegensätzen, die uns helfen, Körper und Geist ins Gleichgewicht zu bringen. Erfahren Sie, wie das Prinzip «Gleiches verstärkt Gleiches» Ihren Speiseplan bereichern kann.

10 Min. Lesezeitvon Andrea Freiburghaus

Was sind die Gunas? Das ayurvedische Prinzip der 20 Qualitäten

In der jahrtausendealten Heilkunde des Ayurveda wird alles, was uns umgibt – Nahrung, Jahreszeiten, Tageszeiten, sogar unsere Gedanken – durch bestimmte Qualitäten beschrieben. Diese Qualitäten nennt man Gunas. Insgesamt gibt es 20 Gunas, die in zehn Paare von Gegensätzen gegliedert sind: schwer und leicht, kalt und warm, ölig und trocken – um nur einige zu nennen.

Das zentrale Prinzip dahinter lautet auf Sanskrit Samanya Vishesa: Gleiches verstärkt Gleiches, Gegensätze gleichen aus. Das bedeutet: Wenn wir zu viel von einer Qualität in uns tragen – sei es durch unsere Konstitution, die Jahreszeit oder unsere Lebensweise – können wir durch Nahrung mit der entgegengesetzten Qualität wieder ins Gleichgewicht finden.

Dieses Prinzip ist keine abstrakte Theorie, sondern gelebte Alltagsweisheit. Wer im Sommer schwitzt und sich überhitzt fühlt, greift intuitiv zu einer kühlen Gurke oder einem Pfefferminztee. Wer im Winter friert, sehnt sich nach einer wärmenden Suppe. Der Ayurveda macht dieses intuitive Wissen bewusst und gibt ihm einen Namen.

Die 10 Paare der Gunas

1. Guru (schwer) & Laghu (leicht)

Guru beschreibt Nahrungsmittel, die schwer, sättigend und aufbauend wirken – zum Beispiel rotes Fleisch, Käse, Hülsenfrüchte oder Weizenbrot. Sie nähren das Gewebe, können aber bei Übermaß träge und schwerfällig machen.

Laghu steht für Leichtigkeit: Reis, Salat, gedünstetes Gemüse oder Mungobohnen sind leicht verdaulich und beleben den Geist. Menschen mit einem starken Kapha-Anteil oder bei Verdauungsschwäche profitieren besonders von leichten Speisen.

2. Manda (langsam/stumpf) & Tikshna (scharf/durchdringend)

Manda wirkt beruhigend und verlangsamt – Milch, Sahne oder schwere Getreidebrei haben diese Qualität. Sie sind wohltuend bei Überreizung und Stress, können aber die Verdauung verlangsamen.

Tikshna hingegen ist scharf und durchdringend: Chili, Ingwer, Meerrettich und Senf regen die Verdauungsfeuer an, fördern die Durchblutung und klären die Sinne. Bei Kapha-Überschuss oder träger Verdauung sind sie wertvolle Verbündete.

3. Shita (kalt) & Ushna (warm/heiß)

Shita kühlt und beruhigt: Minze, Gurke, Kokosnuss, Koriander und Fenchel haben eine kühlende Wirkung auf Körper und Geist. Sie sind besonders wertvoll für Pitta-Typen und in der heißen Jahreszeit.

Ushna wärmt und belebt: Ingwer, schwarzer Pfeffer, Zimt, Knoblauch und heiße Speisen allgemein fördern die Wärme im Körper. Im Winter oder bei Vata-Ungleichgewicht sind wärmende Qualitäten besonders heilsam.

4. Snigdha (ölig/fettig) & Ruksha (trocken)

Snigdha nährt, befeuchtet und schützt: Ghee, Avocado, Sesam, Olivenöl und Nüsse haben diese ölige, nährende Qualität. Sie sind ideal bei Trockenheit, Erschöpfung und Vata-Ungleichgewicht.

Ruksha trocknet und leitet aus: Hirse, Gerste, Crackers, Rohkost und Hülsenfrüchte wirken trocknend. Bei Kapha-Überschuss, Wassereinlagerungen oder Schleimbildung können sie ausgleichend wirken.

5. Shlakshna (glatt) & Khara (rau)

Shlakshna beschreibt eine glatte, sanfte Qualität: Bananen, Datteln, Milch und gut gekochte Speisen gleiten leicht durch den Verdauungstrakt und beruhigen gereizte Schleimhäute.

Khara ist rau und schrubbt gleichsam von innen: Rohkost, Kleie, Vollkornprodukte und faserreiche Gemüse haben diese Qualität. Sie regen die Darmtätigkeit an und sind bei Trägheit hilfreich – sollten aber bei empfindlichem Darm mit Bedacht eingesetzt werden.

6. Sandra (fest/dicht) & Drava (flüssig)

Sandra steht für Dichte und Festigkeit: Käse, Nüsse, festes Fleisch oder Hülsenfrüchte sind dichte Nahrungsmittel, die aufbauen und stabilisieren.

Drava ist flüssig und fließend: Suppen, Säfte, Tees und Brühen haben diese Qualität. Sie befeuchten, lösen auf und erleichtern die Aufnahme von Nährstoffen. Bei Trockenheit oder Fieber sind flüssige Speisen besonders wertvoll.

7. Mridu (weich) & Kathina (hart)

Mridu beschreibt Weichheit und Sanftheit: gedünstetes Gemüse, reife Früchte, Brei und weich gekochte Speisen sind leicht zu verdauen und schonen den Verdauungstrakt.

Kathina ist hart und widerstandsfähig: rohes Gemüse, harte Nüsse oder ungekeimte Samen erfordern mehr Verdauungsarbeit. Sie stärken die Verdauungskraft, wenn diese gut ausgeprägt ist, können aber bei schwacher Agni (Verdauungsfeuer) belasten.

8. Sthira (stabil) & Chala (beweglich/dynamisch)

Sthira wirkt stabilisierend und erdend: Erdnüsse, Kartoffeln, Wurzelgemüse und schwere Getreidesorten geben Halt und Beständigkeit. Sie sind wohltuend bei Unruhe, Angst und Vata-Überschuss.

Chala ist beweglich und dynamisch: Gewürze wie Ingwer, Pfeffer und Kurkuma, aber auch kohlensäurehaltige Getränke oder sehr leichte Speisen haben diese Qualität. Sie regen an, lösen Blockaden und fördern die Bewegung im Körper.

9. Sukshma (subtil/fein) & Sthula (grob)

Sukshma beschreibt feine, subtile Qualitäten, die tief in die Gewebe eindringen: Honig, Ghee und bestimmte Gewürze wie Safran oder Kardamom wirken auf feinen Ebenen und unterstützen die Geistesklarheit.

Sthula ist grob und massiv: Vollkornbrot, Hülsenfrüchte und faserreiche Nahrung wirken auf der physischen Ebene, nähren das grobe Gewebe und sättigen nachhaltig.

10. Vishada (klar/sauber) & Picchila (klebrig/schleimig)

Vishada wirkt klärend und reinigend: Honig (in Maßen und nicht erhitzt), Bitterkräuter, Kurkuma und Granatapfel haben diese reinigende Qualität. Sie unterstützen die Entgiftung und klären die Kanäle im Körper.

Picchila ist klebrig und schleimbildend: Joghurt, Okra, Bananen und bestimmte Hülsenfrüchte haben diese Qualität. Sie schützen und befeuchten Schleimhäute, können aber bei Kapha-Überschuss oder Erkältungsneigung die Schleimbildung fördern.

Praktische Anwendung: Welche Gegensätze brauche ich?

Die Kunst liegt darin, die eigene Konstitution und den aktuellen Zustand zu erkennen. Im Ayurveda unterscheiden wir drei Doshas – Vata, Pitta und Kapha – die jeweils bestimmte Guna-Kombinationen verkörpern:

  • Vata (leicht, trocken, kalt, rau, beweglich) braucht ausgleichende Gegensätze: warme, ölige, schwere, stabile Nahrung.
  • Pitta (scharf, heiß, leicht, ölig) wird durch kühle, süße, schwere und trockene Qualitäten beruhigt.
  • Kapha (schwer, kalt, ölig, langsam, klebrig) profitiert von leichten, wärmenden, trockenen und scharfen Speisen.

Ein praktisches Beispiel: Wenn du dich nach dem Mittagessen schwer und träge fühlst (Guru-Überschuss), wähle beim nächsten Mal eine leichtere Mahlzeit – gedünstetes Gemüse mit Basmatireis statt einem schweren Eintopf. Fühlst du dich hingegen aufgedreht, unruhig und zerstreut (Chala-Überschuss), helfen erdende, warme Speisen wie Haferbrei mit Ghee und Zimt.

Die Jahreszeiten spielen ebenfalls eine wichtige Rolle: Im Frühling, wenn Kapha-Qualitäten dominieren, empfiehlt der Ayurveda leichtere, wärmende und trocknende Kost. Im Herbst, wenn Vata zunimmt, sind nährende, ölige und wärmende Speisen angezeigt.

Saisonales Essen nach den Gunas

Die Natur selbst gibt uns Hinweise, welche Gunas gerade gefragt sind:

Im Sommer dominieren Hitze und Trockenheit. Shita (kühlende) Qualitäten sind gefragt: Gurken, Melonen, Koriander, Kokosnuss, Minztee und leichte Salate kühlen von innen. Schwere, scharfe oder sehr ölige Speisen sollten in dieser Zeit reduziert werden.

Im Winter braucht der Körper Wärme und Nährung. Ushna (wärmende) und Snigdha (ölige) Qualitäten stehen im Vordergrund: wärmende Suppen und Eintöpfe, Ghee, Ingwer, Zimt, Kardamom, Wurzelgemüse und Hülsenfrüchte stärken das Immunsystem und halten die innere Wärme aufrecht.

Im Frühling löst sich das angesammelte Kapha des Winters: leichte, bittere und scharfe Speisen wie Löwenzahn, Rucola, Ingwertee und Hirse unterstützen den natürlichen Reinigungsprozess des Körpers.

Im Herbst bereitet sich der Körper auf die Kälte vor: nährende, wärmende und leicht ölige Speisen wie Kürbissuppe mit Ghee, Datteln, Mandeln und wärmende Gewürze helfen, Vata zu beruhigen und Reserven aufzubauen.

Wenn der Föhn durch Graubünden fegt: Ein Praxisbeispiel

Schauen wir uns das Vata-Dosha an, das aus den Elementen Luft und Äther besteht. Seine Qualitäten sind leicht, trocken, kalt, rau und beweglich. Wenn nun im Spätherbst oder Winter der kalte Wind durch unsere Täler pfeift oder der Föhn das Nervensystem unruhig macht, steigt das Vata im Körper drastisch an.

Wenn wir dann aus einem falschen Schönheitsideal heraus mittags nur kalte Rohkost (leicht, kalt, rau, trocken) essen und abends zum auspowernden Sport rennen (beweglich), gerät das System in den Überlebensmodus. Die Folge? Das Rad im Kopf dreht sich unaufhörlich, Ungeduld, Zweifel und Ängste flammen auf.

Die Bündner Ayurveda-Medizin ist denkbar einfach

Wir gleichen die Bewegung und Kälte des Wetters durch die Gegensätze aus. Wir gehen barfuß auf dem weichen Waldboden, um uns mit der Stabilität (Sthira) der Erde zu verbinden. Und wir kochen uns am Abend eine warme Mandelmilch mit Ghee und Shatavari. Die Qualitäten schwer, ölig, warm und süß schmieren die Nervenbahnen, bringen die Energie zurück in die Füsse und lassen den Geist tief aufatmen.

Höre auf deinen Körper – die Weisheit des Ayurveda im Alltag

Die 20 Gunas mögen auf den ersten Blick komplex erscheinen, doch im Grunde beschreiben sie etwas, das wir alle kennen: das intuitive Gespür dafür, was uns guttut. Der Ayurveda gibt diesem Gespür eine Sprache und einen Rahmen.

Du musst nicht alle 20 Qualitäten auswendig lernen, um von diesem Wissen zu profitieren. Beginne mit einer einfachen Frage:

Wie fühle ich mich gerade – und welche Qualität fehlt mir? Fühlst du dich schwer und träge? Wähle Leichtes. Fühlst du dich kalt und unruhig? Wähle Wärmendes und Erdiges.

Mit der Zeit entwickelst du ein feines Gespür für die Qualitäten der Nahrung – und damit für das, was dein Körper in jedem Moment wirklich braucht. Das ist die Schönheit des Ayurveda: Er vertraut auf deine innere Weisheit und lädt dich ein, diese Weisheit täglich neu zu entdecken.